Covid-19 – Aufnahme als riskantes Geschäft

In den jetzigen außergewöhnlichen Zeiten sind wir wieder einmal Zeugen, wie die Regierung nicht diejenigen Entscheidungen trifft, die alle schützen würden. Die Politik überlässt so der Mafia immer mehr Raum, welche in dieser Notsituation ihre Profite weiter steigert, denn es gelingt ihr, die durch die Institutionen nicht abgedeckten, Lücken zu füllen.

Bereits jetzt erhöht sich die Zahl der Menschen, die vor dem Nichts stehen – wir sehen sie in den Warteschlangen vor der Caritas. Von der ökonomischen und sozialen Krise werden mehr Personen betroffen sein als von dem Covid-19. Aber die Hauptsorge scheint die Wiederaufnahme der Fußballmeisterschaften zu sein.

Wer uns in diesen Tagen Zuversicht gibt sind jene Menschen, die ihre Häuser verlassen um den Bedürftigen zu helfen, unabhängig von Hautfarbe, Religion und Nationalität, und die ohne Aufhebens mit diesen alltäglichen Handlungen uns alle – und trotz allem – zu Hoffnung verhelfen.

Wie Nizar, ein Koch, der eine sehr harte Vergangenheit hinter sich hat. Er kochte für die vergessenen Erntehelfer in Campobello di Mazara mehr als sieben Kilo Couscous, das dank der Mitarbeiter*innen der Organisation Archè di Marsala dort verteilt werden konnte.

foto 1Nizar – Foto der Organisation Archè Onlus

Wie Kone und Ismaila, zwei junge Männer, die sich vor drei Jahren in Libyen kennengelernt haben, wo sie die grausamste Folter über sich ergehen lassen mussten, wo sie viele auf der Straße hatten sterben sehen. Jetzt haben sie sich in einem Stadtteil von Agrigento zur Verfügung gestellt, um für ältere Menschen Besorgungen zu machen.

Wie Giulia, Salvatore und Veronica, die in der Nacht versuchen, den Vergessenen und Unsichtbaren in Palermo mit allen ihnen möglichen Mitteln beizustehen.

Um auf das aktuelle unhaltbare politische Versagen in der Migrant*innenenfrage zurückzukommen – es geht keinen Schritt vorwärts im Sinne einer Legalisierung, die ihrem Namen gebührt. Stattdessen wird die Rettung auf See weiterhin verweigert und die neu angekommenen Menschen werden in schwimmenden Hotspots festgehalten. Nach Palermo reicht die Regierung der Region Sizilien nun auch dem Bürgermeister von Lampedusa die Hand, und stimmt der Idee zu, ein weiteres Quarantäneschiff vor der Insel Lampedusa zu stationieren.

In den Hotspots auf dem Festland, auf Lampedusa, in Messina und Pozzallo werden bereits viele Migrant*innen in Quarantäne festgehalten. Auf Lampedusa mussten wegen der Neuankunft von Migrant*innen diejenigen, die ihre Quarantänezeit bereits begonnen hatten, noch einmal von neuem beginnen.

Die Präfekturen Siziliens eröffnen auf Anregung des Innenministeriums Notfallzentren mit integrierter Pflegebetreuung. Damit erweisen sie den Unternehmern in der Migrant*innenaufnahme einen Dienst, wie sich ein Verantwortlicher eines außerordentlichen Aufnahmezentrums (CAS*) ausdrückt, "es sind die gleichen, die auf dem Postbüro die Reihenfolge in der Warteschlange nicht respektieren".

Im Abschiebezentrum (CPR*) in Milo – das eigentlich seit zwei Monaten wegen Umbaus geschlossen ist – werden als Notmaßnahme acht Migrant*innen festgehalten. Sie werden vorübergehend vom Roten Kreuz betreut.

Agrigent, hat zwei Notfallzentren eröffnet. Eines davon wird von der Kooperative Aquarinto und das andere von der Gemeinschaft Cometa geführt, welche mittlerweile nicht mehr zusammenarbeiten. Palermo hat die gegenwärtigen Betreiber um die Eröffnung neuer Zentren oder die Erhöhung der Platzanzahl gebeten. Enna hat eine Ausschreibung zur Führung von CAS mit 51 – 150 Plätzen für die ganze Dauer der Notsituation aufgrund von Covid-19 veröffentlicht.

Trapani hat drei Ausschreibungen veröffentlicht: eine für die Unterbringung in Hotels auf der Basis von 28 Euro pro Tag und Migrant*in; eine für die Einrichtung neuer CAS auf der Basis von 42 Euro pro Tag und Migrantin; und eine für Sozialarbeiter*innen auf der Basis von 18 Euro pro Tag pro betreute Person. Die Zuteilung erfolgt durch direkte Verhandlungen.

Auch Catania hat diesbezüglich eine Ausschreibung veröffentlicht: es werden Interessenten gesucht, die Migrant*innen in Quarantäne aufnehmen können, wobei insgesamt 50 Plätze benötigt werden.

Schiffe, Hotels, die neuen CAS mit höher quotierten Anforderungen und direkt vergebenen Beauftragungen – das Risiko einer neuen "Businesswelle" ist gross. Viele warten vor dem Tor wie Geier auf den richtigen Moment, denn seit der Zerstörung des Aufnahmesystems durch die unveränderten Sicherheitsdekrete sehen wir keine positiven Zeichen am Horizont.

Diejenigen die regieren, haben noch nicht begriffen, dass der Ausweg nur über einen totalen Richtungswechsel möglich ist – es ist der Weg den Nizar, Kone, Ismaila, Giulia, Salvatore und Veronica eingeschlagen haben.

 

Alberto Biondo
Borderline Sicilia

 

Übersetzung aus dem Italienischen von Susanne Privitera


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