Jenseits der Phrasendrescherei dieses großartigen Landes lässt Italien die Schwächsten zurück

Die Notsitutation ist nicht dieselbe für alle. Es ist nicht wahr, dass das Virus die Reichen und die Armen auf eine Stufe gestellt hat, wie heute oft gerne behauptet wird. Die Notlage trifft die bereits Instabilen, die am Rande der Gesellschaft leben und über keine Schutzmechanismen verfügen, am meisten.

Contrada ImbriacolaDer Hotspot Contrada Imbriacola, auf Lampedusa – Foto von Silvia Di Meo

Der Hashtag “Alles wird gut” gilt nicht und wird nicht gelten für die Armen, die Heimatlosen, die misshandelten Arbeiter*innen, die im landwirtschaftlichen Sektor Ausgebeuteten und die vielen ohne Arbeitsvertrag, die in den sizilianischen Städten einen hohen Prozentanteil ausmachen. “Ich esse nur einmal am Tag: Eine Scheibe Zwieback und eine Tasse Tee. Etwas anderes habe ich nicht, und Hilfsleistungen kann ich nicht erhalten, weil mir die dazu nötigen Dokumente fehlen. Ich weiß nicht, wie lange ich so weitermachen kann. Seit über 15 Tagen sende ich meiner Familie kein Geld mehr, und wenn es für alle vorbei sein wird, dann weiß ich nicht was aus mir werden wird”, erzählt uns ein Straßenhändler.

In vielen Städten, auch in den Vorzeige-Kommunen, braucht es, um Hilfsleistungen zu erhalten so viele Dokumente, auf die nicht zugegriffen werden kann. Zu dieser Zeit kommen einem die politischen und gesetzgeberischen Entscheidungen, mit denen die Löschung der Grundrechte bewirkt wurde, noch teurer zu stehen.

Glücklicherweise gibt es Menschen, die – wie auch vor der Notsituation – einen Kollaps der Solidarität und des Zusammenhalts mit denen, die das am dringendsten brauchen, verhindern. Es ist so, dass die vielen Verbündeten, die jeden Tag Lebensmittel verteilen, die Älteren besuchen und den Heimatlosen zur Seite stehen einen außergewöhnlichen Unterschied machen.

Wie uns einer von ihnen berichtet, macht es der Umstand, dass man Menschen bei ihren Anfragen oder beim Vervollständigen ihrer Anträge auf Hilfeleistungen behilflich sein kann möglich, die individuellen Menschen vor Augen zu haben – bereits zuvor und seit neuem sozial Schwächere –, welche zur Zeit Unterstützung benötigen. Die Hilfesuchenden sind auf keine Generation begrenzt und kommen aus allen geographischen Lagen und sozialen Schichten, es sind alleinstehende junge Frauen und Männer, alleinerziehende Mütter, Senior*innen, Straßenverkäufer*innen, kleine Händler*innen, Kleinunternehmer, Handwerker, italienische und ausländische Staatsbürger*innen, die nicht wissen, wie sie ihre Einkäufe, wie sie Miete und Nebenkosten bezahlen sollen, wie sie sobald es möglich sein wird von Neuem beginnen sollen. Die Menschheit unterliegt einem steten Wandel, und die Welt wird dabei komplexer. Die Verwaltungssprache in den Nachrichten und den Mails ist weiterhin unverständlich.

Es gibt diejenigen, die weinen und mit dem Herzen in den Händen sagen: “Ich mache das wirklich, weil ich nicht weiß, wie ich weiterleben soll”. Oder diejenigen, die das Online Formats ausfüllen und sagen: “Aber könnten Sie mir nicht zufällig sofort etwas zu Essen geben?” Es gibt Menschen, zu denen gesagt wird: “Wollen Sie irgendetwas mitnehmen? Ein bisschen Brot oder Nudeln?” Mit sehr viel Anstand antworten die Personen dann: “Nein, ich möchte meiner kleinen Tochter eine Sicherheit bieten. Ich möchte einen Arbeitsplatz.”

Ein weiteres Übel in diesen Tagen der Wirtschaftskrise betrifft viele Migrant*innen, die seit kurzem nicht mehr im Aufnahmesystem sind – die ohne Arbeitsvertrag einer Tätigkeit nachgehen aber es geschafft haben, sich eine Bruchbude, ein Lagerhaus oder eine Garage zum Übernachten zu leisten. Vielen von ihnen werden heute von den wenig verständnisvollen Eigentümern rausgeworfen und wieder auf die Straße gesetzt, mit mafiösen Mitteln, mit Drohungen und Gewalt, damit sie auch wirklich gehen. So werden sie gezwungen, sich in Einrichtungen zu begeben, wo sie dem Missbrauch ausgesetzt sind. Andere sind wie Identitätslose und Unsichtbare, die in den Städten unterwegs sind.

Es gibt nach wie vor keine Antwort der Politik auf die Forderungen nach einer gesetzlichen Regelung der Migration, nur auf die Forderung einer Ministerin, die nach Arbeiter*innen für die Landwirtschaft fragt. Anstatt die vergessenen Rechte der Arbeitnehmer*innen wiederherzustellen, erlässt die Regierung ein Dekret, dass die Grenzen schließt, und dabei tausende Menschen zum Tode verurteilt und de facto auch in Italien die internationalen Übereinkommen außer Kraft setzt, was den Kurs der Vergangenheit eins zu eins fortsetzt.

Unterdessen haben innerhalb von drei Tagen mehr als 120 Personen Lampedusa erreicht, die über einen Tag am Hafen festgesessen haben, weil der Hotspot von den Personen in Quarantäne besetzt ist, die dort Mitte März angekommen sind. Wie immer wird in solchen Fällen auf Notfallmaßnahmen gegriffen und die Präfekturen eröffnen neue außerordentliche Aufnahmezentren (CAS*), damit die Insel, auf der die Anspannung unter den Bewohnern besonders groß ist, geleert wird.

Auf diese Weise wurden im Hotspot von Pozzallo Plätze für 50 der zuletzt auf Lampedusa angekommenen Personen freigemacht, unter ihnen ein fünfzehnjähriger ägyptischer Junge, der dann positiv auf das Coronavirus getestet wurde, während die anderen 74 Personen nach einer Nacht in der Kälte innerhalb des Hotspots neuen Räumlichkeiten zugewiesen wurden, wie es scheint getrennt von den 36 Personen, die noch in Quarantäne ausharren.

Für 72 Personen, die von Libyen abgereist sind und vorgestern Nacht eigenständig neun Meilen vor Lampedusa angekommen sind und von der Küstenwache und der GDF abgefangen wurden wurde hinsichtlich des überfüllten Hotspots und der Proteste der Inselbewohner entschieden, sie in Porto Empedocle von Bord gehen zu lassen. Die Migrant*innen wurden zunächst am Hafen gelassen, weil sich der Bürgermeister zwischenzeitlich dazu entschlossen hatte, ein Anlandungen in seiner Stadt zu verbieten.

Und es ist paradox, dass die Faschisten von Nettuno in diesen Momenten der Krise und der Notlage, in denen wir nicht einmal einen Spaziergang mit unseren Kindern machen können, Blockaden und Demonstrationen gegen die wenigen Migrant*innen, die nach Rom hätten umziehen sollen, machen, und all das, ohne dass die Behörden Maßnahmen im Lichte der Gesetzeslage treffen. Warum?

Weil wir kein zivilisiertes Land mehr sind. Unser Land ist ein egoistisches Land, dass sich von den sozial Schwachen und Marginalisierten befreien will, weil sie uns Angst machen, weil es einfacher ist, die zu schikanieren, die keine Waffen haben, um sich zu verteidigen, als gegen die Gewalt der Mächtigen aufzustehen.

Und erinnern wir uns daran, wenn mit Nachdruck die Eröffnung der Kirchen verlangt wird, weil all das nichts mit einem christlichen Dasein zu tun hat: Das ist nur Wahlkampfrhetorik, der wir in unserem Leben begegnen, wie es meine Freunde und Freundinnen tun, die jeden Tag den Zurückgelassenen die Hand hinhalten.

Euch zum Dank wird auch dieses ein frohes Osterfest.

 

Alberto Biondo
Borderline Sicilia

 

*CAS: Centro di accoglienza straordinaria – Außerordentliches Aufnahmezentrum

 

Aus dem Italienischen übersetzt von Franziska Lorusso


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