Diakités Lektion

In Campobello di Mazara hat die Olivenernte 2020 begonnen. Dort treffen wir auf den Saisonarbeiter Diakité, der mahnende Worte an uns richtet: „Ich bin seit 15 Jahren hier und immer noch kommt ihr hier her, um uns zu erzählen was ihr alles für uns macht. Auch ihr Mitglieder der Vereine und Aktivist*innen, die ihr euch unsere Freund*innen nennt, solltet euch schämen. Hin und wieder schaut ihr bei uns vorbei und glaubt damit die Welt zu verändern, aber am Abend kehrt ihr nach Hause zurück, um auf eurem weichen Kissen einzuschlafen. Ich hingegen habe Ousmane sterben sehen und kenne viele andere, die hier vom diensthabenden Vorgesetzten ausgebeutet werden.“

Diakité ist mit seinen 57 Jahren einer der Veteranen im Geisterghetto zwischen Campobello di Mazara und Castelvetrano. Rund 900 Migrant*innen leben hier versteckt vor taktlosen Blicken.

Durch das Coronavirus fühlen wir uns noch mehr umzingelt, auch wegen der Ärzt*innen in den weißen Schutzanzügen, die uns als Corona-positiv markieren wollen. Zuvor hatte sich 15 Jahre lang niemand darum gekümmert uns ein würdevolles Leben zu ermöglichen. Und jetzt, inmitten der Pandemie, ist niemand gekommen, um die jungen Männer über die Gefahr aufzuklären, in der sie sich befinden. Kein Arbeitgeber hat an unsere Gesundheit gedacht, keiner. Wir sind eben nur Arbeitskräfte. Auch dieses Jahr leben wir wieder ohne fließendes Wasser und inmitten der Abfälle, die niemand abholt, und dann wird gesagt, dass wir diejenigen sind, die sich nicht waschen und schmutzig sind. Versucht selbst einmal mit 900 Männern, die den ganzen Tag schuften und sich dann nicht Waschen können, zusammen zu leben. Versucht selbst mal auf dem Boden zu schlafen, inmitten von Schlamm, Mäusen und Kakerlaken, die auf euch herumkrabbeln, während ihr versucht einzuschlafen, und das alles ohne Toilette und Licht. Kein Wunder, dass es unter diesen Umständen Corona-positive geben wird. Nur während wir arbeiten, während wir Kisten mit Oliven füllen, macht ihr euch keine Sorgen darum, ob wir Corona-positiv sind.“

Wir haben bereits dokumentiert, dass in Alcamo während der Olivenernte in Covid-Zeiten keine Lager oder Maßnahmen zum Schutz der Saisonarbeiter eingerichtet wurden. Auch in Campobello ist dieses Jahr nicht passiert, obwohl hier in den vergangenen Jahren Positives unternommen worden war. In diesem Jahr war auch das Rote Kreuz nicht bereit das Camp zu verwalten, und die Institutionen und Organisationen haben damit solange gewartet, bis die Missstände zu explodieren drohten.

Dabei ist allseits bekannt, wie wichtig diese Arbeiter für die Wirtschaft in dieser Gegend sind und, dass sie sie am Leben halten. „Das Problem ist, dass wir hier nicht arbeiten sollten, wir sollten euch allein lassen. Ohne unsere Hilfe würdet ihr bedächtiger sein und uns als Menschen betrachten. Leider ist unser Hunger zu groß und wir brauchen das Geld unbedingt, um verschiedene Bedürfnisse zu stillen, deshalb haben wir nicht den Mut nicht her zu kommen. Wenn ich hier keine Oliven ernte, gibt es genug anderer Sklaven, die dies machen werden. Ihr werdet immer einen finden, den ihr ausnützen könnt.“

Als ob der Missbrauch durch die Arbeitgeber nicht schon schlimm genug wäre, mischen sich in diese aussichtslose Lage noch skrupellose Menschen ein, die „von unten“ wiederum versuchen die Missstände zu Geld zu machen. So werden für Wasserkanister oder die Fahrt zum Feld Goldpreise verlangt.

In dieser Situation haben die Behörden weggeschaut und so getan, als ob ihnen die Missstände nicht bekannt wären. Die Gelder, die für die Organisation der landwirtschaftlichen Arbeiter zu Verfügung stehen würden, liegen unterdessen in der Kasse der Gemeinden und der Region, ohne, dass sie für die Schaffung einer besseren Zukunft eingesetzt werden.

 

Die Pandemie und die verweigerte Aufnahme

Das zerbrechliche italienische Aufnahmesystem hat den Schlag der Covid-19 Pandemie, während der das Sterben im Mittelmeer noch häufiger übersehen wird, nicht verkraftet.

Die jüngsten Opfer gehören einem Schiffbruch an, der sich vor wenigen Tagen ereignet hat. Weitere Todesopfer sind auf die Verwaltung der Ankünften zurückführen, wie im Fall der beiden Minderjährigen Abou und Abdallah. Die Ursache für ihren Tod muss erst noch aufgeklärt werden.

In diesen Tagen erhalten wir zahlreiche Meldungen von Personen, die uns von Missbrauchsfällen durch Ordnungskräfte in den Covid-Zentren der gesamten Region berichten. Um die Migrant*innen an einer Flucht zu hindern, werden unter anderem Telefon und Schuhe beschlagnahmt.

Das hindert einige Betroffene in den Zentren jedoch nicht daran als Zeichen des Protests von den Balkonen zu springen. Diese Personen landen dann häufig mit Beckenbrüchen, gebrochenen Knöcheln oder Beinen und anderen Zeichen der Selbstverletzung im Krankenhaus. Meist handelt es sich dabei um Menschen, die schwere psychischen Anfälligkeiten aufweisen. Wir haben von vielen Fällen gehört, in denen die Quarantäne verlängert wird, weil keine getrennten Räumlichkeiten für positiv und negativ getestete Personen vorhanden sind. Es ist ein Kampf mit dem Tod ohne jegliche Erklärung, es gibt nur Anordnungen und Beschränkungen, schlimmer als im Gefängnis.

Doch Proteste und Selbstmordversuche werden nicht nur aus den Covid-Zentren gemeldet. Sie ereignen sich auch auf Quarantäneschiffen, an einem Ort ohne gesetzliche Regelungen. Die Schiffe sind überhäuft von Qual, besonders für jene die aus Libyen geflüchtet sind und auf dem Meer ihr Leben riskierte haben. Obwohl die Regierung versichert hatte, positiv getestete Personen nicht mehr auf den Quarantäneschiffen unterzubringen, scheint diese Praxis weitergeführt zu werden. Von den Schiffen werden uns zudem Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und Gruppen von Tunesier*innen gemeldet, die über ihre sofortige Rückführung informiert werden. In vielen Fällen erfolgen diese Rückführungen direkt über den Flughafen von Palermo „Falcone e Borsellino“. Aus Platzmangel wird auf einen Aufenthalt in Abschiebungshaft verzichtet.

Bei jeder Anlandung eines Quarantäneschiffs, ist mit einer hohen Anzahl an Migrant*innen zu rechnen. Vor allem Tunesier*innen werden am Hafengelände mit einem Auslieferungs- oder einem Rückführungsbescheid abgesetzt. Weil internationale humanitäre Organisationen fehlen, bleiben die Betroffenen ohne jegliche Information zurück. Vor drei Tagen, zum Beispiel, spielte sich folgendes Szenario ab: Nach der Ankunft des Schiffs Allegra im Hafen von Palermo haben mindestens 60 Tunesier*innen einen Zurückweisungsbescheid erhalten. Sie wurden auf der Straße zurückgelassen, wo sie trotz der geltenden Ausgangssperre Tag und Nacht herumirren, weil sie nicht die Gabe haben sich einfach in Luft aufzulösen, wie es sich unsere Politiker*innen wünschen würden.

 

Was uns erwartet

In Anbetracht dieser Qual stellen wir uns zwei Fragen: Wird das Ghetto von Campobello/Castelvetrano zur Roten Zone erklärt, wie es in Foggia und Rosarno der Fall war? Dann würde es zum Kampfgebiet zwischen den verzweifelten Bewohner*innen und den Ordnungskräften werden. Oder wird, trotz der extremen Verzögerung, versucht diesem Notstand zu lösen? Oder wird das Lager dann geräumt werden, sobald alle Oliven geerntet worden sind?

„Im Grunde glaubst du mehr wert zu sein als ich, intelligenter zu sein als ich. Ihr denkt, dass wir nichts wert sind, dass wir lediglich Arbeitskräfte sind, die es gewohnt sind im Schlamm zu leben und alles weiter stillschweigend zu akzeptieren. Nur aus diesem Grund könnt ihr uns so behandeln, könnt ihr uns langsam sterben lassen. Aber ihr täuscht euch und ihr werdet euch vor eurem Gott, welcher das auch sein mag, irgendwann verantworten müssen. Wir wollen lediglich wie Menschen behandelt werden.“

Das sind die letzten Worte von Diakité bevor er sich von uns verabschiedet. Sie klingen wie eine weitere Warnung, die zum hundertsten Mal nicht gehört werden wird.

 

Borderline Sicilia

 

Aus dem Italienischen übersetzt von Elisa Tappeiner