Januar, Monat des Friedens und der Erinnerung, zwischen Heuchelei und Unmenschlichkeit

Heute ist der Holocaust-Gedenktag, der eingerichtet wurde, um die Vernichtung durch Nazis und Faschisten während des Zweiten Weltkriegs nicht zu vergessen. Erneut werden wir gezwungen sein, den Gängen der Politiker*innen beizuwohnen, die die Vergangenheit beweinen und deren Hände mit dem Blut, das in der Gegenwart vergossen wird, befleckt sind. Hände, die heute, in unserer Zeit, Abkommen unterschreiben, um Lager zu bauen, Menschen auf See sterben zu lassen, Mauern zu errichten und Menschen zu deportieren, um Hass und Gewalt zu verbreiten.

Eine Erinnerung, die von denen, die die Geschichte und ihre Schrecken heuchlerisch wiederholen, verwischt und mit Füßen getreten wird. Und wir feiern – abgelenkt und gleichgültig – weiterhin den Tag der Erinnerung oder den Monat des Friedens, indem wir so tun, als gäbe es keine Kriege mehr, weil wir nicht direkt daran beteiligt sind. Es ist uns egal, ob an Orten, die für uns weit entfernt sind, Menschen unter unseren Bomben sterben, geführt von unserem Radar, in Syrien, im Jemen, in Afghanistan, im Irak, in Libyen.

Und wer es schafft, den Katastrophen, die unser Imperialismus verursacht hat, zu entkommen und lebend nach Europa zu gelangen, ist hier noch mehr Gewalt und Segregation, einer ständigen und totalen Entmenschlichung ausgesetzt.

Letztes Weihnachten hatte Paul, ein Landarbeiter auf den Feldern von Campobello, einen brennenden Ofen angelassen, um seine Hütte zu beheizen, während er eine „warme“ Dusche im Freien nahm. Bei seiner Rückkehr stand alles in Flammen. Paul wurde in einem anderen Zelt untergebracht und bekam von seinen Weggefährten, die gezwungen sind unter den gleichen Bedingungen zu leben, Kleidung geschenkt: „Glaub mir, es war das schönste Weihnachten meines Lebens. Niemand hat mir jemals etwas gegeben, ohne im Gegenzug um etwas zu bitten. Es war eine spontane Geste von ihnen, sie sahen meine Betrübtheit und meine Verzweiflung, und ich habe ein wunderschönes Geschenk erhalten“.

Es ist zu schade, dass daraus keine Nachricht geworden ist, weil Paul nicht verbrannt ist, weil Paul nicht mit Drogen handelt, weil Paul keine Frau vergewaltigt hat, kurz gesagt, es ist keine Nachricht wert, weil Paul weiterhin lebt, aber unsichtbar bleibt.

Und so muss es auch sein, damit wir Geld mit ihnen verdienen können. Die Nachrichten zu Beginn des Jahres sind nicht beruhigend: auf allen Feldern wird weiterhin gedemütigt, ausgebeutet, getötet.

In der Unmenschlichkeit, die uns auszeichnet, ist es stattdessen möglich den Angestellten von Frontex ein wunderbares Weihnachtsfest zu bereiten. Die Agentur ist nun offiziell zur europäische Grenzpolizei geworden, mit 10.000 Beamten und einem geschätzten Budget von 1.871 Millionen Euro für 2025, mit dem Segen von Unternehmen, die Waffen, Überwachungssysteme und militärische Ausrüstungen verkaufen, während die Rettung auf See verboten und kriminalisiert wird.

Innerhalb der Festung Europa ist das Aufnahmesystem inzwischen in einem zunehmend gestörten Zustand. Für Jimmy und seine Freunde, die in einem CAS* in der Nähe von Palermo untergebracht sind, war Neujahr durch verschimmeltes und kaltes Essen sowie durch die völlige Vernachlässigung der Mitarbeiter*innen des Zentrums gekennzeichnet. „Über die Festtage waren wir nicht nur nachts, sondern auch tagsüber allein. Wir sind allein und eingesperrt in diesem isolierten Ort. Wir sind der Kälte und dem Frost überlassen, da die Heizungen nie eingeschaltet werden und das Wasser immer kalt ist“. Aber auch für viele Mitarbeiter*innen der Zentren war es kein schönes Weihnachten und sie konnten Silvester nicht feiern, da die Betreiber der Zentren ihre Arbeitsstunden drastisch gekürzt haben und diejenigen, die nicht entlassen wurden, sind gezwungen, geringfügig beschäftigt zu arbeiten. Viele von ihnen haben seit etwa einem Jahr keinen einzigen Euro mehr gesehen. Dies verursacht schlechte Laune und heizt ein System an, in dem nur wenige Menschen spekulieren und verdienen, während Migrant*innen und Arbeiter*innen unter Ausbeutung und Diskriminierung leiden.

Viele Zentren leerten sich gerade während der Weihnachtsfeiertage, weil in diesen Tagen die Unannehmlichkeiten in den Zentren zunahmen. Sogar viele Minderjährige haben sich wieder auf den Weg gemacht, in der Hoffnung, eine Chance zu bekommen, aber oft offenbart sich nur noch mehr Ausbeutung. Im Falle von Frauen ist dieses Risiko noch höher, da es keine Maßnahmen zur Identifizierung und zum Schutz von Opfer von Menschenhandel gibt, die sich in den Aufnahmezentren befinden. Oft werden sie Menschenschindern überlassen, die sie leicht in das Netz der Zwangsprostitution locken.

Und die Bestätigung dafür, dass es immer schlimmer wird, ist die Nachricht, dass die großen humanitären Organisationen Sizilien und Italien im Stich gelassen haben, ja, dass sie die Migrant*innen im Stich gelassen haben. Organisationen wie UNHCR und IOM leiten keine Projekte mehr, machen kein Monitoring in den Zentren und sie haben Mitarbeiter*innen entlassen. In der Abschiebungshaft* und an anderen Orten, wo man hin und wieder einen Mann oder eine Frau mit einem blauen Leibchen sehen konnte, wird es keine mehr geben. Die Isolation wird zunehmen, ebenso wie die Verletzung der Rechte und der Körper von Menschen, die inhaftiert und eingesperrt sind. Diese werden noch isolierter sein und in den Zentren verrotten, in der einzigen Hoffnung, dass sie auf Mitarbeiter*innen treffen, die nach Gerechtigkeit dürsten und die trotz allem versuchen, die Arbeit zu erledigen, indem sie den Menschen ihre Würde zurückgeben.

Die Erlösung kommt wie immer von einfachen Menschen, die noch in der Lage sind, schöne Gesten zu machen, die die Menschen, die sie empfangen, mit Freude erfüllen, wie die einer Familie aus Palermo, welche Samba zu Silvester willkommen hieß. Samba ist der Parkplatzwächter eines der vielen Supermärkte in Palermo, der zwischen Biagio Conte und den Schlafsälen der Stadt lebt, wenn er Glück hat. Er bat uns um eine Krawatte, weil er diese Familie ehrenvoll gegenüber treten wollte und sich für das Fest chic machen wollte.

Samir und Claudio, zwei obdachlose Freunde, erzählen uns, dass in der Silvesternacht „zum Glück“ so viel Essen weggeworfen wurde, dass sie ein Mittagessen, „wie Gott es befiehlt“, zu sich nehmen konnten, indem sie den Müll durchwühlten. „Er fand die erste Hauptspeise, die noch in einem Plastikbehälter war, während ich mich um die zweite Hauptspeise und die Beilage gekümmert habe. Das Dessert wurde uns von Frau Maria gegeben, die immer an uns denkt. Leider war der Wein knapp, ansonsten…“

Er beendet nicht den Satz. Die beiden schauen sich ins Gesicht, einer so weiß wie ein Blatt Papier, der andere so schwarz wie Kohle, und lachend umarmen sie sich, wünschen sich alles Gute. Diese sind die besonderen Glückwünsche, die Glückwünsche derer, die an den Rand – und noch weiter – dieser Gesellschaft gedrängt wurden.

Im Grunde werden es nicht die Intellektuellen und nicht die Politiker*innen sein, die diese Welt retten, sondern die Bodenständigkeit derer, die es trotz allem schaffen, in jeder einzelnen Geste die Schönheit zu finden, in jedem einzelnen Moment des eigenen „schönen und ungerechten Lebens“.

 

Alberto Biondo
Borderline Sicilia

 

*CAS: Centro di accoglienza straordinaria – Außerordentliches Aufnahmezentrum
*CPR: Centri di Permanenza per il Rimpatrio – Abschiebungshaft

 

Übersetzung aus dem Italienischen von Gabriella Silvestri