APPELL ZUR SCHLIEßUNG DES CARA IN MINEO

Am 22. Oktober ist der letzte Protest von Asylsuchenden im CARA (Centro di accoglienza per richiedenti asilo, Aufnahmezentrum für Asylsuchende) von Mineo ausgebrochen, als diese für 7 Stunden die Staatsstraße Catania-Gela blockierten. Es ist der letzte Protest einer langen Serie von Protesten, die die Migranten bereits seit 2 Jahren gegen die Lebensbedingungen im Zentrum und gegen die langen Wartezeiten, die sie erdulden müssen, bevor ihre Anfrage auf Asyl von der Landeskommission geprüft wird, richten.
Die Geschichte vom CARA in Mineo hat am 15. Februar 2011 mit der Verkündigung des damaligen Ministers Maroni auf einer Pressekonferenz in der Präfektur von Catania begonnen; die Regierung hatte die Idee, in Mineo Asylsuchende aus dem gesamten italienischen Staatsgebiet unterzubringen. Ratspräsidente Silvio Berlusconi sollte die Patenschaft für das “Dorf der Solidarität” Mineo übernehmen. Seit damals war klar, dass es bei diesem Zentrum vor allem um Spekulation und Rassimus ging. Einerseits bedeutet dies die Umleitung erheblicher öffentlicher Mittel auf eine Struktur, die so genannte “Residenz der Orangen” von Mineo (ein Komplex aus 404 Wohneinheiten, die der Firma Pizzarotti aus Parma gehören), die nach dem Rückzug der US-Marine aus diesen Gebäuden im Dezember 2010 wohl kaum einen anderen Verwendungszweck gefunden hätte, als ein sogenanntes “Vier-Sterne-Zentrum” für Asylsuchende und Migranten zu werden. Die Position dieses Komplexes, eher isoliert, als ein “Dorf der Solidarität”, ließ an ein Zentrum der Trennung denken, ein Experiment für eine neue Politik der Bestrafung von Migranten. Und wirklich, nur nach wenigen Wochen hatte das Zentrum bereits die Charakteristiken eines Haftzentrums bekommen: ein doppelter Zaun, Kameraüberwachung, eine massive Präsenz von Polizei- und Militärpersonal. Das geplante, exzellente Unterbringungszentrum hatte sich in einen Kerker für die jungen Tunesier verwandelt, die aus dem Lager in Lampedusa kamen, das nach Monaten mit einer Belegung von über 5000 Menschen geleert werden musste. Ihre Wut verwandelte sich sofort in eine Massenflucht aus dem Zentrum: Hunderte haben sich zu Fuß auf den Weg entlang der Staatstraße von Catania-Gela gemacht, auf der Suche nach der Freiheit, die sie dazu veranlasste, ihr Land zu verlassen.
Nach Monaten entwickelte Mineo nach und nach seinen aktuellen Charakter, eine abgetrennte Mega-Einrichtung, in der etwa 4.000 Asylsuchende untergebracht sind, was dem Doppelten seiner Kapazität entspricht. Etwa die Hälfte der Asylsuchenden lebt seit langer Zeit im CARA von Mineo, darauf wartend, dass die Kommission ihre Anträge prüft, andere sind Flüchtlinge, die in den letzten Monaten die Küste Italiens erreichten. Sie können das Zentrum von acht Uhr morgens bis acht Uhr abends verlassen. Regeln unterworfen, die ebenso streng wie nutzlos sind, verbringen sie ihre Zeit in einer Wiederholungsschlaufe. Die Stadt Mineo ist 10 Kilometer entfernt, einen Weg den man zu Fuß zurücklegen muss, wenn man es nicht schafft den einzigen Bus-Service zu erwischen, da liegt die Wahrscheinlichkeit bei 1 zu 75 (da ja nicht so viele in diesen einen Bus passen, Anmerk. fer Übersetzerin). Das Essen ist sehr schlecht, Kochen nicht möglich, vor allem die Jüngeren fühlen sich ihrer eigenen Identität beraubt. Die größte Angst betrifft jedoch die Zukunft: die Langsamkeit der Asyl-Kommission, die regelmäßigen Ablehnungen von Asylanträgen, die Diskriminierungen, denen sich einige Gemeinschaften ausgesetzt sehen, deren Anträge geschlossen abgelehnt werden.
Diese Situation hat wiederholte Proteste ausgelöst, vor allem Straßenblockaden entlang der Staatsstraße Catania-Gela; Ereignisse, die in der Vergangenheit die Arbeit der Kommission meist beschleunigt haben. Aber nicht alle haben die Kraft, weiter um ihr Leben zu kämpfen; viele haben sich zurückgezogen und Verzweiflung macht sich in vielen breit. Monatelang haben anti-rassistische und solidarische Organisationen neben diesen Protesten die Zustände angeprangert, angefangen mit dem Bericht von « Medici senza frontiere » (Ärzte ohne Grenzen, Aus dem Höllenfeuer in den Limbus, 30/06/2011), die während eines Projektes zur psychischen Gesundheit der Asylsuchenden im Zentrum anwesend waren, und die in diesem Bericht sieben Selbstmordversuche von Migranten im CARA dokumentieren. Es sind starke Anschuldigungen, die den Blick auf das Versagen dieser Art von Zentren richtet, in denen die Lebensbedingungen die psychische Gesundheit der in ihnen beherbergten Menschen gefährden. Besonders die Gesundheit derjenigen, die bereits Opfer von Gewalt und Folter wurden und für die es keinerlei Betreuung gibt. Auch die Resultate der italienischen Sprachkurse fallen durchweg schlecht aus, nur sehr wenige können nach sechs Monaten etwas auf Italienisch kommunizieren.

In den Monaten des Bestehens des Zentrums hat sich die Einstellung der lokalen Institutionen diesem gegenüber gewandelt: von einer Ablehnung der Anwesenheit von Migranten in der Gemeinde, die in einer Demonstration von eingen Bürgermeistern der Region des Calatino vor dem Aufnahmezentrum gipfelten, hin zur Akzeptanz der CARA als einer möglichen wirtschaftlichen Einnahmequelle. Ein kranker Gedanke, der eine Wirtschaft in Bewegung gesetzt hat, die auf der Verschwendung von öffentlichen Mitteln für Projekte beruht, die nichts mit den wirklichen Bedürfnisse der Migranten zu tun haben, geschweige denn sich für ihre Rechte einsetzen. Wir sind weit weg von einem echten Projekt der Gastfreundschaft, das sich für die Rechte von Migranten einsetzt und fähig ist, eine lebendige Wirtschaft anzuregen, mit positiven wirtschaftlichen und arbeitsmarktpolitischen Auswirkungen, so wie es in den Kommunen der Locride und anderen italienischen Kommunen durch das System SPRAR geschafft wurde. Dieses System wurde dank der solidarischen Netzwerke von Organisationen und Verbänden geschaffen; es wirtschaftet mit durchschnittlich 23 Euro pro Person pro Tag, ein schwindelnd geringer Betrag im Gegensatz zu den 35 bis 52 Euro, die die Regierung an die Betreiber des CARA bezahlt.

SCHLIEßT DAS «DORF DER SOLIDARITÄT» SO SCHNELL WIE MÖGLICH !

Neben denjenigen, die ihren Asylantrag über einen Anwalt laufen lassen wollen und können richten wir diesen Appell an die lokalen Verwaltungen, an die politischen Kräfte und an die anti-rassistischen Assoziationen und Solidarverbände, um die Zweitunterkünfte « SPRAR » auf dem Calatino-Gebiet und der ganzen Insel auszuweiten.

So Mittel einsparend ist es auch möglich, einen wirklichen Weg der Akzeptanz und der sozialen Integration von und für Flüchtlinge und Migranten zu finden. Dieses Modell der Exklusion und der Marginalisierung des CARA von Mineo exisitiert einzig und allein, um aus Asylsuchenden, die gezwungen sind aus ihren Ländern zu fliehen, ein Frage der nationalen Sicherheit zu machen, auf die mit der Militarisierung unserer Grenzen und mit Klientelwirtschaft geantwortet wird.
Sizilien darf nicht der Außenposten eines Krieges der US-Militärbasis und der NATO werden, nicht die Südgrenze der Festung Europas, die dank der existierenden rassistischen Gesetzgebung bereits zu viele tote Migranten auf dem Gewissen hat, welche zu den Hauptopfern der globalen Ungerechtigkeit geworden sind.

DAS CARA VON MINEO MUSS GESCHLOSSEN WERDEN !
Das Experiment der Trennung von Migranten und Bevölkerung von Maroni ist fehlgeschlagen !
Ein Nein zu ethnischen Gefängnissen !

Rete Antirazzista Catanese,Comitato di base NoMuos/NoSigonella, Catania Bene Comune, Cobas scuola(Ct), LILA, Valerio Marletta (sindaco di Palagonia), Antonio Mazzeo (mediattivista), Fulvio Vassallo Paleologo (Università di Palermo), Tania Poguisch (Università di Messina),Giacomo Sferlazzo (Askavusa- Lampedusa), Domenico Lucano (sindaco di Riace),
Associazione Astra-Caltagirone, centro Astalli (Ct), associazione migralab A.Sayad (Me), circolo Arci Thomas Sankara (Me),Pietro Saitta (Università Messina),Tindaro Bellinvia (Università Messina), Gabriele Gentile Arci Janzaria-S.Michele di Ganzaria, Borderline Sicilia

Weitere Unterzeichner : progetto Melting Pot Europa, Confederazione Cobas, Associazione Antimafie « Rita Atria », Osservatorio su Catania, USB (Ct), Comitato territoriale Arci (Ct), LavoroSocietà-Cgil(Ct), Alessandro Del Lago (Università di Genova), Federica Sossi (Università di Bergamo), Gigi Malabarba (RiMaflow-rete Communia-Milano), Chiara Sasso (gruppo coordinamento Rete Comuni Solidali-Torino), Flore Murard-Yovanovitch (giornalista, Daniele Barbieri (giornalista), Cinzia Castania (regista),…

Informationen: alfteresa@libero.it,
http://www.nomuos.info/appello-per-la-chiusura-del-cara-di-mineo/

Aus dem Italienischen von Philine Seydel