Diebstahl bei der Rettung von Flüchtlingen

„Wir wurden auf dem
Militärschiff bestohlen“, der Krimi über den Diebstahl an syrischen
Flüchtlingen. Nach Rettungsaktion verschwindet Geld und Schmuck. Zwei
Ermittlungsverfahren wurden eröffnet. Dreißig Flüchtlinge erstatten Anzeige: „Über
einhunderttausend Euro sind verschwunden bzw. wurden gestohlen.“


Repubblica – Ihre Zukunft,
sorgsam aufbewahrt in Umschlägen und in eng am Körper getragenen Bauchtaschen
wurde ihnen auf dem Schiff, das sie gerettet hat, abgenommen. Dollars und
einiger Familienschmuck, das Wenige, auf das zählten, um sich ein neues Leben
in Europa aufzubauen. Aber das Militärschiff Chimera der italienischen
Militärmarine verließen sie mit leeren Händen oder fast mit leeren Händen, die
Tüten mit ihrem kleinen „Schatz“ wurden sauber aufgeschnitten und geleert,
andere verschwanden ganz. Wer sich in der Nacht vom 25. auf den 26. Oktober an
den Umschlägen vergangen hat, in denen sich die Habe von 95 Flüchtlingen
befand, die im Kanal von Sizilien gerettet worden waren, hat sich mit Bargeld
und Schmuck im Wert von mehr als einhunderttausend Euro bereichert.

Das
zumindest behaupten die Geflüchteten, fast alles Syrer, die, kaum waren sie im
Hafen von Empedokle angekommen, sofort zum Polizeipräsidium gebracht werden
wollten. Die Flüchtlinge haben ungefähr 30 Anzeigen wegen Diebstahl erstattet,
es wurden zwei Ermittlungsverfahren eingeleitet, eine von der
Staatsanwaltschaft von Agrigent, die andere von der Militärstaatsanwaltschaft.

Bestohlen
von denen, die sie gerettet haben, von denjenigen, die sich – wie so viele
Aktionen in diesen Tagen gezeigt haben – mit Opferbereitschaft und Mut ins Meer
gestürzt haben, um Frauen und Kinder zu retten? Das scheint unvorstellbar, aber
so behaupten es die Migranten in den beim polizeilichen Einsatzdienst
unterschriebenen Protokollen. Anzeigen voller Details, die die
Staatsanwaltschaft veranlasst haben, an Bord der Corvetta eine Durchsuchung
vorzunehmen.

Das Schiff hatte jedoch in der Zwischenzeit Porto Empedokle wieder
verlassen, um im Zusammenhang mit der Operation „mare nostrum“ die
Patrouilleaufgaben im Kanal von Sizilien wieder aufzunehmen. Als die Ermittler
am nächsten Tag an Bord des Schiffes gingen, das zur Militärbasis in Augusta
zurückgekehrt war, fand sich von dem verschwundenen Geld oder Schmuck keine
Spur.

Aber die Vermutung einer
Straftat bleibt bestehen und die Anzeigen der Migranten werden jetzt von der
Staatsanwaltschaft von Agrigento unter der Leitung des Staatsanwalts Renato Di
Natale und des Militärstaatsanwalts Napoli Lucio Molinari geprüft. „Als sie uns
an Bord aufgenommen haben und nachdem sie uns Hilfe geleistet und uns aufgewärmt
hatten – erzählte einer der Flüchtlinge – haben uns die Militärs durchsucht und
mit Metalldetektoren abgetastet.

Sie baten uns, das abzugeben, was wir bei uns
trugen, wir würden es nach der Ausschiffung wieder bekommen. Für jeden von uns
gab es eine nummerierte Tüte. Aber als
wir von Bord des Schiffes gingen, war meine Tüte wie viele andere
aufgeschnitten und fast alle Dollars und einige kleine Gegenstände aus Gold
waren daraus entnommen“. Von 3000 bis 5000 Dollar pro Kopf plus Ketten,
Armreifen und Ringe. Soviel konnten die syrischen Flüchtlinge, die fast immer
einer höheren sozialen Schicht angehören, eigenen Angaben nach, mitnehmen.

Die Rettungsaktion, die im
Zentrum der Ermittlungen steht, geschah am Abend des 25. Oktober, dreißig
Meilen südwestlich von Lampedusa. Es ist einer dieser Abende in fortgesetzter
Notsituation. Das Boot der Syrer war
abdriftet, an Bord machen sich die Menschen mit den Armen bemerkbar und rufen um
Hilfe, alle sind ohne Rettungsweste. Es sind 95 Menschen, 48 Männer, 22 Frauen
und 25 Kinder. Das Meer ist ruhig, alle werden an Bord der Corvetta Chimera
aufgenommen, aufgewärmt und gestärkt.

Dann
wird jeder nach seinen persönlichen Daten gefragt und darum gebeten, Geld und
persönliche Gegenstände abzugeben. Das Schiff fährt nach Porto Empedokle, wo
die Migranten dann am späten Samstagvormittag von Bord gehen. Fast alle
Menschen wollen ihr Hab und Gut vor ihrer Ausschiffung zurückhaben. Einige
sagen, dass ihre Tüten aufgeschnitten und geleert worden waren, andere sagen,
dass nichts mehr drin war. Es blieb keine Zeit, um zu protestieren. Die
Flüchtlinge werden unter die Seilkonstruktion geführt, während das
Militärschiff wieder aufs Meer fährt. Am nächsten Tag verläuft die Durchsuchung
ohne Ergebnis, aber seit dem 25. Oktober war das die letzte Rettungsaktion für
die Chimera im Kanal von Sizilien.

(Aus dem Italienischen von Jutta Wohllaib)